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Das Problem der Urbanisierung ist die in den Städten wohnende soziale Ungleichheit

Als Mirko Winkler, Professor für Urban Public Health, an diesem Sommertag auf der Terrasse des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH) Platz nimmt, steckt ihm bereits ein urbaner Marathon in den Knochen. Zu diesem Zeitpunkt haben ihn seine Füsse bereits über die Jogging-Strecke der Langen Erlen getragen. Er ist gegen die Wassermassen des Freibads Eglisee angeschwommen, hat die zahlreichen E-Mails, die sich über die Nacht angestaut haben, in einem lauschigen Café des Matthäusquartiers in Basel abgearbeitet, sich auf den Sattel seines Fahrrads gesetzt, um just in 11,5 Minuten pünktlich zum Interview-Termin am Swiss TPH zu erscheinen. Nach vielen Meetings und einer Vorlesung an der Universität Basel wird er nach einem Abendessen im Kreis seiner Familie sein Skatebord unter den Arm klemmen, um sich im Rheinhafen der Schwerelosigkeit der Halfpipe hinzugeben, bevor er den Tag bei einem Glas Wein und letzten Korrekturen eines Artikels ausklingen lässt. Der 47-Jährige verströmt eine Aura von Urbanität, was auch immer man sich darunter vorstellen möchte. «In der Stadt liegen alle für mich wichtigen Orte nah beieinander, ich kann Arbeit, Familie und Freizeit optimal verbinden und meinen ökologischen Fussabdruck klein halten», sagt er. 



Soziale Ungleichheit: Lokale und globale Dimensionen

Bei einer solchen Stadtidylle regt sich naturgemäss Widerspruch. Und man ist geneigt, die hässliche Fratze von Megacities ans Tageslicht zu zerren. Städte sind laut, rauben einem den Atem. Im Sommer wirft der Beton Blasen, zwischen den Häuserschluchten versinken die Menschen in Anonymität und Vereinsamung. «Dieser Blick auf die Stadt ist nicht ganz korrekt», entgegnet Mirko Winkler. «Global gesehen ist die Lebenserwartung in den Städten höher als auf dem Land, was darauf hindeutet, dass der urbane Raum die Gesundheit durchaus auch begünstigen kann», sagt er. Das Problem der Städte sei die in ihnen wohnende soziale Ungleichheit, die sich auch in unterschiedlichen Gesundheitsrisiken widerspiegelt. Mit ordentlich Geld in der Tasche und einer noblen Wohnung im ‹Marais› lässt es sich in Paris ganz gut leben. Man schlendert von Boutique zu Boutique, schenkt der Mona Lisa ein entwaffnendes Lächeln, bestaunt die Impressionisten im Musée d’Orsay oder vertagträumt den Tag unter dem lichten Blätterdach des Jardin du Luxembourg. Wie anders lebt es sich in den berüchtigten ‹Banlieues› wie Saint Denis oder Barbès-Rochechouart! Hier herrschen Hoffnungslosigkeit und Gewalt. Junge Menschen frequentieren nicht Museen und Restaurants, sondern das Arbeitsamt. «An meinem Lehrstuhl für Urban Public Health am Swiss TPH betreiben wir nicht nur Grundlagenforschung, sondern identifizieren und evaluieren auch 

Massnahmen, die unter anderem dazu beitragen können, solche Ungleichheiten abzufedern», erklärtWinkler.


Dabei hat Ungleichheit eine globale Dimension. Das Stichwort hier lautet: ‹Klimagerechtigkeit›. Mit ihren zwölf Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf und pro Jahr steht die Schweiz weit vor Deutschland, Frankreich oder Italien auf der internationalen Rangliste (Quelle: myclimate, 2020). Zudem lagert sie einen Grossteil ihrer CO2-Emissionen ins Ausland aus. Länder des globalen Südens sind von dem durch den CO2-Ausstoss angeheizten Klimawandel überproportional betroffen, und dies, obwohl sie im Vergleich wenig zum Klimaproblem beigetragen haben. In Städten wie Abidjan in der Côte d’Ivoire häuften sich in den letzten Jahren Berichte über orkanartige Regenfälle, Flutkatastrophen oder Hitzeperioden. «Um die Gesundheit anderer zu schützen, müssen wir nebst Massnahmen vor 

Ort auch unseren CO2-Ausstoss dringend eindämmen und die Nachhaltigkeit unserer Städte fördern», sagt Winkler. «Eben diese Problematik macht das Thema Urban Public Health so relevant und interessant, sowohl in der Schweiz wie auch im globalen Süden».


Städte auf Gold gebaut

Mirko Winkler kennt die Probleme der Urbanisierung in Afrika, Asien und Lateinamerika aus eigener Erfahrung. Für internationale Konzerne eruierte der gelernte Bauzeichner und Umweltingenieur der ETH Zürich die gesundheitlichen Auswirkungen von Infrastruktur-Projekten wie Staudämmen oder Minen in zahlreichen Ländern. Wo man Gold oder andere Edelmetalle zutage fördert, entsteht – wie aus dem Nichts heraus – bald eine Stadt. Mega-Städte wie Johannesburg in Südafrika waren einst reine Goldgräberlager, die rasant wuchsen. Dabei konnten der Ausbau von Trink- und Abwassersystemen, geordnete Verkehrswege oder die Abfallentsorgung nicht immer Schritt halten. «Unsere Aufgabe ist es, die Chancen der Urbanisierung zu erhöhen und die Gesundheitsrisiken zu minimieren», sagt Winkler. 


Die Herausforderungen sind beträchtlich. Was die Gesundheit angeht, zeichnen afrikanische Metropolen ein viel düsteres Bild als der globale Norden. Da sind zum Beispiel die noch immer präsenten klassischen Infektionskrankheiten wie die Tuberkulose, das Dengue-Fieber oder die tödliche Malaria. Doch die Menschen kämpfen zunehmend auch mit chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Diabetes. Dazu gesellen sich Infektionen durch verschmutztes Trinkwasser, Verkehrsunfälle und die Folgen der Klimaerwärmung. 


Mitbestimmung in der Forschung und Stadtentwicklung

«Gesunde und lebenswerte Städte brauchen die Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft, den Architekten und Städteplanerinnen sowie den politischen Entscheidungsträgern», sagt Mirko Winkler. Vor allem aber müssten auch die Bewohnerinnen und Bewohner demokratisch bei der Ausgestaltung ihres Lebensraums mitreden dürfen. Wie zum Beispiel in Yopougon, einem belebten Stadtteil in der Millionen-Metropole Abidjan. Yopougon liegt gleichsam vor der Tür des Centre Suisse de Recherches Scientifiques en Côte d’Ivoire (CSRS), einer langjährigen Partnerinstitution der Forschenden des Swiss TPH. 


Gemeinsam haben die Partner jüngst die Vision des ‹YopouLab› ins Leben gerufen. Das geplante sogenannte ‹livinglab› vereint unterschiedliche Perspektiven unter einem Dach. Der Bürgermeister von Yopougon, Ingenieure und Planerinnen, ausgewählte Bewohnerinnen und Bewohner des boomenden Viertels: Gemeinsam diskutieren sie die künftige Entwicklung des Quartiers – gerade auch unter dem Gesichtspunkt der Gesundheit und des Wohlergehens. Ein angestrebter zentraler Pfeiler des YopouLab ist ein sogenanntes Urban Surveillance System – ein wissenschaftlicher Datensatz, der es erlaubt, die Auswirkungen konkreter urbaner Interventionen und langfristiger Trends auf die Gesundheit der Bevölkerung zu evaluieren.


Urban Public Health in the Warzone  

Nie tritt deutlicher zutage, wie eng die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen mit ihrem städtischen Lebensraum verwoben sind, als im Krieg. Die Trümmerlandschaften, die einst Gaza-Stadt waren, zeugen davon auf erschütternde Weise.


Mirko Winkler und sein Team beraten Entwicklungsorganisationen und humanitäre Akteure, die inmitten solcher Zerstörung arbeiten. «Die Mitarbeitenden des Internationalen Roten Kreuzes wissen, was zu tun ist, wenn Bomben fallen», sagt er. Doch in langwierigen Konflikten und in den seltenen Momenten des Waffenstillstands, wenn sich für kurze Zeit so etwas wie Alltag einstellt, wird es schwierig, zwischen Dringlichem und weniger Dringlichem zu unterscheiden. Genau hier setzt die Arbeit von Mirko Winkler und seinem Team an: Aus einer Public Health-Perspektive 

unterstützen sie humanitäre Organisationen dabei, jene Interventionen zu identifizieren, die das grösste Potenzial haben, die fragile Gesundheit der Menschen in Krisengebieten nachhaltig zu schützen und zu stärken.


Städte als komplexe Gesundheitssysteme

«Die enge Verzahnung zwischen Städten und Gesundheitssystem birgt auch eine ökonomische Dimension», erklärt Mirko Winkler. Sowohl in Metropolen wie Dar es Salaam als auch in kleineren Städten wie Bagamoyo in Tansania müssen aufgrund mangelnden Geldes die Investitionen in die Gesundheitsplanung genau abgewogen werden. Lohnt sich der Ausbau grosser Spitäler? Oder soll das Geld besser in kleinere Gesundheitseinrichtungen auf dem Land investiert werden? Wie stark wird sich das zunehmende Alter, der Klimawandel oder das Bevölkerungswachstum auf das knappe Gesundheitsbudget auswirken? In enger Zusammenarbeit mit tansanischen Forscher:innen erweitern Mirko Winkler und sein Team Datenmodelle, dank derer man solche Fragen prüfen und Investitionen in die Planung von Gesundheitssystemen priorisieren kann. Diese Modelle könnten in Zukunft auch für die reiche Schweiz relevant werden, erklärt er. Denn die steigenden Gesundheitskosten hierzulande sind so sicher wie das berühmte Amen in der Kirche. «Die Zukunft der Schweiz liegt in Afrika», sagt Winkler und lacht.




Der Lehrstuhl ‹Urban Public Health› am Swiss TPH

Ziel des transdisziplinären Fachbereichs ist es, gesündere, nachhaltigere und sozial gerechtere urbane Lebensräume zu schaffen – in der Schweiz und weltweit. ‹Gesundheit› und ‹Wohlbefinden› werden dabei breit verstanden und umfassen u.a. Infektionskrankheiten, nicht-übertragbare Krankheiten, Umwelteinflüsse und psychische Gesundheit.


Der Bereich ‹Sustainable Cities & Communities› entwickelt praxisnahe Ansätze, um die Gesundheitsförderung in die Stadtentwicklung zu integrieren. ‹Future-Proofed Health Systems› arbeitet an innovativen Modellen zur Planung von Gesundheitssystemen – auch im Kontext von Klimawandel und demografischem Wandel. ‹Conflicts & Fragile Settings› fokussiert auf Forschungspartnerschaften in Krisengebieten, um Gesundheitsinterventionen dort wirksam und koordiniert umzusetzen.





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