

Wellblech, Hoffnung & Resilienz: Eine Public Health-Plattform für Abidjan
In Subsahara-Afrika lebt fast die Hälfte der Bevölkerung in Städten, oft in informellen Siedlungen und unter prekären Umständen. Es fehlt an sanitärer Infrastruktur, gesundheitlicher Versorgung und Möglichkeiten, sich an die zunehmende Hitze anzupassen. In Abidjan entwickelt das ‹Centre Suisse de Recherches Scientifiques en Côte d’Ivoire› gemeinsam mit dem Swiss TPH eine Public Health-Plattform, die sich den urbanen Herausforderungen widmet.
Williamsville gehört zu den am dichtesten bewohnten Gebieten Abidjans. Im Arbeiterquartier, das zu Teilen aus informellen Siedlungen besteht, lebten gemäss der letzten Bevölkerungszählung von 2008 rund 74 000 Menschen auf 2,3 km2 Fläche. Heute dürften es mehr als doppelt so viele sein. Manche bezeichnen Williamsville als Slum. Je tiefer man ins Quartier eindringt, desto enger wird es. Instabile und windschiefe Behausungen reihen sich dicht aneinander; die meisten werden von unverputzten Backsteinmauern getragen. Darüber hinweg erstreckt sich ein Meer von Wellblechdächern, aus welchem gelegentlich grüne Spitzen herausragen, die Minarette kleiner Moscheen, von welchen der Gesang eines Muezzins zu hören ist. Ein Gewirr aus Stromkabeln hängt zwischen den Wellblechdächern, oft so tief, dass man ihnen beim Gang durch die engen Gassen ausweichen muss. Viele Bewohner:innen zweigen den Strom aus Geldnot illegal von einer Hauptleitung in ihr Haus ab. Es komme immer wieder zu Kabelbränden, erzählen sie.
Erodierte Wege und prekäre Wasserversorgung
Dekara Soumahoro ist in Williamsville aufgewachsen und ist hier so etwas wie ein lokaler Anführer. Er geniesst in der Gemeinde grossen Respekt und setzt sich seit Jahren für Verbesserungen in seiner Nachbarschaft ein. Wenn er durch Williamsville schlendert, vergeht keine Minute, ohne dass er einen Bekannten mit Handschlag begrüsst, sich nicht bei jemandem nach seiner Familie erkundigt oder kurz mit Kindern witzelt. Ein schlammiger Weg führt vom Rand ins tiefergelegene Zentrum von Williamsville. «Wenn es stark regnet, bildet sich hier ein reissender Strom, der die Hütten weiter unten überschwemmt», erzählt Soumahoro. Stücke eines einst befestigten Weges wurden weggeschwemmt und der Boden erodiert zunehmend. Wenige Meter weiter liegen dutzende blaue, fussballgrosse Plastikgeräte im aufgeweichten Schlamm ungeordnet neben- und übereinander. «Das hier ist unsere Wasserversorgung», erklärt Soumahoro. In fingerdicken Rohren zirkuliert das Wasser von den blauen Wasserverteilern in alle Richtungen. Viele Haushalte sind nicht ans öffentliche Wassernetz angebunden. «Die meisten Leitungen hier wurden von den Bewohnern selbst verlegt», sagt Soumahoro. Sie zweigen das Wasser von den wenigen bewilligten Leitungen ab. Manche schätzen, dass rund die Hälfte der Schläuche informelle Erweiterungen sind. Es fehlt der Platz, damit solide Wasserleitungen verlegt werden könnten, ohne dass dafür Häuser abgerissen werden müssten. Fragen der Eigentumsrechte, die beim betroffenen Land oft nicht geklärt sind, erschweren ein ‹slum upgrading›. Und oft fehlt es den städtischen Behörden auch an Kreativität und Ideen für eine pragmatische Aufwertung der Infrastruktur in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung.
Soumahoro hebt einen Schlauch hoch, der mit einem schwarzen Klebeband abgedichtet wurde, und erzählt: «Den Bewohnern fehlt das Knowhow für die Installation, die Leitungen haben deshalb immer wieder Lecks.» Wenn das Wasser länger stehe, dann würden sich an solchen Stellen
Krankheitserreger ansammeln. Diese gelangen übers Wasser in die Haushalte. Problematisch sei nicht nur, dass viele Familien nur unregelmässig fliessendes Wasser hätten, besonders in tiefer gelegenen Gebieten Williamsvilles, sondern auch, dass dieses oft verunreinigt sei und krank mache.
Ungleiche städtische Infrastrukturen
Nur wenige Städte sind dermassen spektakulär gelegen wie Abidjan, die Wirtschaftsmetropole Côte d’Ivoires. Die 6-Millionen-Stadt erstreckt sich entlang der Ébrié-Lagune über mehrere Inseln und Halbinseln und frisst sich von der Atlantikküste tief ins Hinterland. Mit dem Fôret du Banco verfügt Abidjan gleichzeitig über ein Stück geschützten Primärwald im Stadtzentrum. Die Metropole pulsiert und ist ein wichtiger Wirtschaftsmotor Westafrikas. Dies wird im Geschäftsviertel ‹Le Plateau› augenscheinlich: Hohe Gebäude internationaler Hotelketten reihen sich entlang brei-
ter, mit Bäumen gesäumter Boulevards. Vor den Eingängen der Hotels, wo Konferenzen von NGOs und internationalen Organisationen stattfinden, tummeln sich Männer in Anzügen und Frauen in Deuxpièces, während SUVs mit verdunkelten Scheiben vorfahren.
Williamsville liegt nur 15 Minuten Autofahrt westlich von ‹Le Plateau› entfernt. Dennoch wirkt es, als sei man in einer anderen Stadt. Auf einem kleinen Dorfplatz mit einem der wenigen Bäume in Williamsville sagt Kpmontia Konaté: «Viele hier sterben aufgrund von Krankheiten, die gut thera-
pierbar wären.» Sie ist ebenfalls eine Anführerin und setzt sich besonders für die Anliegen der Frauen im Viertel ein. «Starker Durchfall und Malaria sind hier die Hauptprobleme, vor allem bei Kindern.» Zwar gibt es in Côte d’Ivoire auf dem Papier seit einigen Jahren eine universelle Krankenversicherung, trotzdem müssen die meisten Bürger:innen Spitalaufenthalte und Medikamente selbst bezahlen. Weil sich dies viele nicht leisten können, liessen sie sich gar nicht
oder zu spät behandeln, erzählt Konaté. Hinzu komme, dass die öffentliche Geburtsklinik in Williamsville nicht für Komplikationen ausgerüstet sei und Schwangere oft zu spät in ein grösseres Spital evakuiert würden. Sind dann noch die Strassen verstopft, kommt die Hilfe oft zu spät.
Neben der fehlenden Wasser- und Gesundheitsversorgung ist der Umgang mit Abwasser eine zusätzliche Herausforderung in Williamsville. Dekara Soumahoro zeigt einen Abwasserkanal, in dem Plastiksäcke, Stofftücher und Flaschen liegen. Die Exkremente von hunderten von offenen Toilet-
ten fliessen ungefiltert in den Kanal , wo eine gräuliche Kloake Richtung Lagune fliesst. Eine aufgeplatzte Ratte liegt am Bord; es stinkt nach Verwesung. «Wenn hier ein Kind stürzt und hineinfällt, dann kann es sich im Wasser jegliche Krankheiten auflesen», sagt Soumahoro sichtlich empört. Auf die Regierung setzt er wenig Hoffnung, wenn es um die Verbesserung der hiesigen Infrastruktur geht. «Die Politiker kommen hier genau einmal in vier Jahren vorbei: kurz vor den Wahlen», erzählt er. Doch kaum seien die Wahlen vorbei, würde keiner mehr einen Fuss ins Viertel setzen. «Die Ersten, die es wirklich ernst meinten mit der Unterstützung für Williamsville waren Vitor und seine Kollegen vom CSRS.»
Lebensrealität für 230 Millionen Menschen
Der Architekt und Städteplaner Vitor Pessoa Colombo kennt die prekären Lebensbedingungen in Williamsville bestens. Er hat für seine Doktorarbeit mehrere Jahre in informellen Siedlungen in Nairobi und Abidjan geforscht, unter anderem in Williamsville. «Wir sprechen hier nicht von einem Randphänomen, sondern von der Lebensrealität der Mehrheit der Menschen im urbanen Afrika», sagt er. Im Jahr 2020 lebtenmehr als 230 Millionen Menschen in informellen Siedlungen, über 50 Prozent der städtischen Bevölkerung in Subsahara-Afrika.
Während seines Doktorats an der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) hat sich Pessoa Colombo die Zusammenhänge zwischen räumlicher Planung und Gesundheit in informellen Siedlungen angeschaut. Für die Arbeit in Abidjan hat er mit Forschenden des ‹Centre Suisse de Recherches Scientifiques en Côte d’Ivoire› (CSRS) zusammengearbeitet, einem Forschungsinstitut, das 1951 von der Schweiz aufgebaut wurde. Er analysierte, inwiefern sich die bauliche Infrastruktur für die Versorgung mit Wasser-, Sanitär- und Hygienediensten (WASH) auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirkt, insbesondere in Hinblick auf Durchfallerkrankungen. «Diese sind nach wie vor eine der hauptsächlichen Todesursachen in Subsahara-Afrika und sie sind direkt an die Verfügbarkeit von WASH-Infrastruktur gekoppelt», erklärt der Forscher. Besonders betroffen sind Kinder unter fünf Jahren. Laut WHO sind Durchfallerkrankungen bei ihnen die dritthäufigste Todesursache. Jährlich sterben über 443 000 Kinder unter fünf Jahren an Durchfallerkrankungen, der Grossteil davon in der Region südlich der Sahara. Die meisten dieser Todesfälle könnten
durch sauberes Trinkwasser, verbesserte sanitäre Einrichtungen und bessere hygienische Bedingungen verhindert werden.
Im Jahr 2022 befragte Pessoa Colombo mit einem Team von erfahrenen Interviewer:innen und begleitet von Dekara Soumahoro und weiteren Respektspersonen Bewohner:innen in Williamsville zu ihren sozioökonomischen Eigenschaften, ihrem Gesundheitszustand und dem Aufkommen von Durchfallerkrankungen in ihren Familien. Zusätzlich nutzte er Geografische Informationssysteme (GIS), um die informellen Siedlungen zu kartieren. Mithilfe von Open-Source-Software und Tablets bezog er die Bevölkerung aktiv in die Erstellung von Karten mit ein. Anschliessend kombinierte er die Bevölkerungs- und Gesundheitsdaten mit Daten zur bebauten Umwelt und untersuchte den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Krankheiten und der Exposition gegenüber bestimmten Merkmalen der bebauten Umwelt. Dazu zählen beispielsweise der Gebäudetyp,
die Anzahl der Personen in einem Haushalt oder der Zugang zu Wasser.
Wo die Toilette steht, ist entscheidend
Pessoa Colombo interessierte sich besonders dafür, wie sich die räumliche Anordnung von geteilten Toiletten auf das Sicherheitsempfinden auswirkt und wie sich dies in der Häufigkeit von Durchfallerkrankungen widerspiegelt. Mancherorts stehen 30 Personen zwei Duschen und zwei Toiletten zur Verfügung. Die Toilette besteht in der Regel aus einem Loch im Boden, das von einer Backsteinmauer umgeben ist. Eine verschliessbare Tür fehlt, ebenso eine nächtliche Beleuchtung. Deshalb fürchten sich viele Frauen vor einem nächtlichen Gang zur Toilette und erledigen ihre Bedürfnisse zu Hause. Den Topf leeren sie am Morgen, wenn es wieder hell ist. In der Zwischenzeit dienen die Exkremente jedoch als Brutstätte für Krankheitserreger.
Pessoa Colombos Befragungen zeigen, dass Toiletten ausserhalb einer Gebäudeeinheit als weniger sicher wahrgenommen werden als solche in einem Innenhof. Dies schlägt sich auch in den Zahlen von Durchfallerkrankungen nieder. «Die alleinige Verfügbarkeit von Toiletten reicht nicht aus, um Krankheiten effektiv zu verhindern», sagt der Architekt. «Die Lage ist ein entscheidender Faktor für das Sicherheitsempfinden und muss daher beim Bau berücksichtigt werden.» Faktoren wie die Siedlungsmorphologie, die Dichte der Bebauung und die Winkel, in welchen Toiletten zu benachbarten Gebäuden stehen, sie alle beeinflussen das Sicherheitsempfinden der Nutzer:innen. Weitere Faktoren, die zu einem erhöhten Durchfallrisiko führen, sind minderwertige Baumaterialien, eine unregelmässige Wasserverfügbarkeit und das Kochen im Freien. Letzteres führt der
Forscher darauf zurück, dass Krankheitsvektoren, wie Mücken oder Fliegen, beim Kochen unter freiem Himmel vermehrt mit dem Essen in Kontakt kommen. «Das zeigt, dass bereits kleine Verhaltensänderungen einen grossen Einfluss auf die Gesundheit haben können.»
Ein Gesundheitszentrum als Forschungshub
Seit Anfang Jahr ist Pessoa Colombo wissenschaftlicher Mitarbeiter am Swiss TPH. Gemeinsam mit Mirko Winkler, Professor für Urban Public Health, und Nicole ProbstHensch, Professorin für Epidemiologie und Public Health, sowie Forscherinnen am CSRS sollen die Erkenntnisse aus
jahrelanger transdisziplinärer Forschung in konkrete Massnahmen fliessen. «Wir wollen wissenschaftliche Evidenz mit Interventionen verbinden, um die Lebensumstände in rapide wachsenden Städten, wie Abidjan, zu verbessern», sagt Pessoa Colombo. Dafür baut er aktuell eine Public Health-Plattform auf, genannt ‹YopuLab›, die sich an den Bedürfnissen der städtischen Bevölkerung Abidjans orientiert. Sie soll ein lebendiges Labor werden, in dem relevante Da-ten für politische Entscheidungen gesammelt werden.
Im Mittelpunkt von ‹YopuLab› steht das Gesundheitszentrum ‹Centre de santé mixte de Yopougon Millionnaire-extension›. Yopougon ist die grösste Gemeinde der Stadt mit schätzungsweise zwei Millionen Einwohner:innen und zu grossen Teilen informell gewachsen. Die Defizite bezüglich Hygiene, Infrastruktur und medizinischer Versorgung sind vielerorts mit denjenigen in Williamsville vergleichbar. Die Anfahrt zum ‹Centre de santé› ist beschwerlich, irgendwann sind die Schlaglöcher dermassen gross, dass Taxifahrer ihre Kund:innen bitten, die letzten Meter zu Fuss zu gehen. Wer dann von der staubigen, lauten Strasse in den Vorhof der Klinik eintritt, dem eröffnet sich ein Hort
der Ruhe. Ein grosszügiger Warteraum mit weiss gekachelten Wänden lädt zum Ausruhen ein. An der Decke hängen mehrere Ventilatoren, damit die schwüle Luft nicht im Raum stehen bleibt, der gegen zwei Seiten offen und gut durchlüftet ist.
Städtepartnerschaft Basel-Yopougon
Über dem Tor zur Wartehalle hängt neben einer Girlande mit den Wappen Côte d’Ivoires eine grosse Schweizer Flagge. Sie soll darauf hinweisen, dass das Zentrum vom Kanton Basel-Stadt im Rahmen einer Städtepartnerschaft mitfinanziert wurde. «Vor dem Bau der Klinik mussten die meisten Patienten für die medizinische Versorgung in eine andere Gemeinde fahren», erzählt Serge Marcel Adouan, leitender Arzt des Zentrums. «Heute versorgen wir hier rund 50 Patient:innen pro Tag; wobei die Kapazität für Ausnahmesituationen, wie zum Beispiel die Covid-19-Pandemie, bei bis zu 200 pro Tag liegt.» 75 Mitarbeitende hat das Zentrum, darunter sieben Ärztinnen und Ärzte. Es gibt eine eigene Apotheke, ein Labor für Blut- und Urintests, ein Zimmer mit acht Betten für stationäre Überwachungen, mehrere Konsultationsräume, eine Station, wo sich die Bevölkerung kostenlos gegen gängige Krankheiten impfen lassen kann, und eine eigene Geburtenabteilung. «Über zweihundert Kinder wurden hier in den vergangenen Monaten bereits geboren», sagt Marcel Adouan stolz.
Als er fürs Gespräch in sein Büro führt, fällt plötzlich der Strom aus – das unzuverlässige Stromnetz des Landes ist eine konstante Belastung für den medizinischen Betrieb. Generatoren springen kurzfristig in die Bresche. Im dunklen Büro erklärt der Arzt: «Wir behandeln hier alle, die medizinische Versorgung benötigen. Die meisten unserer Leistungen sind für die Patienten kostenfrei.» Geht es nach ihm, so soll das Gesundheitszentrum in Zukunft auch als Forschungshub dienen. «Unser längerfristiges Ziel ist es, mit den Kollegen vom Swiss TPH und CSRS eine Kohorte
aufzubauen, mit welcher wir die Gesundheit der Bevölkerung in Yopougon langfristig verfolgen können.» Bei einem repräsentativen Sample der Bevölkerung würden dann über viele Jahre hinweg Daten zum Haushalt, der Gesundheit und der Arbeitssituation erhoben.
Städtische Malaria und Hitze als Public Health-Bürde
Im Februar fand ein Treffen zwischen der Klinikdirektion, Vertreter:innen von staatlichen Behörden sowie Forschenden des CSRS und Swiss TPH statt. «Unser Ziel war es, die wichtigsten aktuellen und zukünftigen gesundheitlichen Herausforderungen in Yopougon auf einer übergeordneten Ebene besser zu verstehen», erklärt Pessoa Colombo. Anschliessend führte er gemeinsam mit den CSRS-Forschenden Etienne Kouakou und Salimata Berté Fokusgruppeninterviews mit 49 Bewohner:innen in Yopougon durch. Das Team interessierte sich vor allem für die am häufigsten auftretenden Krankheiten, die Ursachen, die die Betroffenen dafür ausmachen, und ihre Bereitschaft, sich an einer zukünftigen Public Health-Kohorte zu beteiligen. «Die Idee einer Kohorte stiess auf sehr grosses Interesse, vorausgesetzt, dass die Beteiligten aktiv in den Prozess involviert werden», so Pessoa Colombo.
Zusätzlich wertete das Team Gesundheitsdaten aus dem ‹Centre de santé› in Youpougon aus. Dafür nutzte es die handgeschriebenen Rapporte, die monatlich an das Gesundheitsministerium verschickt werden.
Die Analyse für die ersten neun Monate seit Betriebsbeginn zeigte, dass 45 % der Konsultationen aufgrund von Malaria stattfanden, 18 % wegen Eisenmangel, 8 % wegen Sichelzellenanämie (Drepanozytose), 5 % wegen Hautkrankheiten und weitere 5 % wegen Atemwegerkrankungen.
Der hohe Anteil an Malaria hat die Forschenden überrascht: «Trotz all der Interventionen in den vergangenen Jahrzehnten gehört die Krankheit noch immer zu den grössten Bürden für die öffentliche Gesundheit – auch in den Städten», sagt Pessoa Colombo. Doch während die Datenlage zu Malaria in ländlichen und peri-urbanen Gebieten mittlerweile robust sei, so fehlten Studien zur Verbreitung in Städten noch weitgehend. «Wir wissen zum Beispiel noch zu wenig darüber, ob Malaria vom Land eingeschleppt wird oder ob sie vor Ort in den Städten entsteht.» Hingegen sei erwiesen, dass manche Umgebungen die Ausbreitung von vektorbasierten Krankheiten wie Malaria begünstigen. Stehendes Wasser in Schlaglöchern zum Beispiel bietet ideale Brutstätten für Moskitos, die als Vektoren für Malaria fungieren. «Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen städtischer Morphologie und Planung – und der Verbreitung von Krankheiten wie Malaria», weiss Pessoa Colombo.
Zunehmende Hitze mit drastischen Folgen
In den Fokusgruppengesprächen zeigte sich, dass der Bevölkerung zusätzlich zur fehlenden Verfügbarkeit von Trinkwasser und der hohen Arbeitslosigkeit zunehmend auch die Hitze in den Innenräumen Sorge bereitet. Wie die meisten Länder leidet auch Côte d’Ivoire häufiger unter Hitzewellen, die zudem länger andauern. Im Vergleich zum Umland heizen sich Städte wie Abidjan deutlich stär-ker auf. Verbaute, zubetonierte Flächen speichern die Hitze stärker als das grüne Umland. Zwar kühlen im Zentrum tausende Klimaanlagen Büros und Shopping Malls, ihre Abluft heizt den Stadtraum jedoch zusätzlich auf. Informelle Siedlungen wie Yopougon oder Williamsville sind besonders von diesem Hitzeinseleffekt betroffen. In den ungedämmten und oft fensterlosen Behausungen mit Wellblechdächern steigen die Temperaturen auf über 40 °C. Dies ist bekannt, weil CSRS-Forschende Sensoren in ausgewählten Bauten in Williamsville installiert haben, um die
Innentemperatur, Luftfeuchtigkeit und -qualität zu messen. Diese Messungen sind Teil des internationalen Forschungsprojekts ‹HEAT›, in dessen Rahmen Hitzedaten in mehreren afrikanischen Städten erhoben werden. Bisher basierten Hitzedaten für informelle Siedlungen fast ausschliesslich auf Simulationen. Nun verfügen die Forschenden erstmals über genaue Messdaten. Besonders betroffen sind wiederum Frauen und Kinder. Sie sind öfters zu Hause als die Männer, und das Risiko von Früh- und Todgeburten steigt bei höheren Temperaturen deutlich an. Zudem zeigen zahlreiche Studien einen kausalen Zusammenhang zwischen Hitze und Kindersterblichkeit, besonders in Ländern des globalen Südens. Laut Pessoa Colombo sollen die Erkenntnisse seiner Kolleg:innen aus dem ‹HEAT›-Projekt in die Public Health-Plattform integriert werden.
Sie sind eine gute Grundlage für eine klimaangepasste Städteplanung und um Bewohner:innen für Hitzegefahren zu sensibilisieren.
In einem nächsten Schritt wird das YopuLab-Team Haushaltsbefragungen durchführen, um die Gesundheitsdaten aus der Klinik mit qualitativen Daten aus der Bevölkerung zu komplementieren. Dies sei wichtig, weil die Daten zu den Konsultationen kein umfassendes Bild erlauben, erklärt Pessoa Colombo. «Ich schätze, dass 30 bis 50 % der Bewohner:innen in Williamsville und Yopougon nicht zum Arzt gehen, sondern bei Gesundheitsproblemen auf andere Therapieformen zurückgreifen. Diese Menschen sind in den Daten der Klinik nicht erfasst.» Ausserdem gebe es bei
psychologischen Krankheiten und sexuell übertragbaren Krankheiten eine hohe Dunkelziffer, weil diese gesellschaftlich stigmatisiert sind.
Forschung für Bewusstseinswandel
Die Städtepartnerschaft zwischen dem Kanton Basel-Stadt und dem Stadtteil Yopougon war als Pilotprojekt angelegt und dauerte von 2021 bis 2024. Bis Ende Jahr wird der Kanton entscheiden, ob diese weitergeführt wird. Serge Marcel Adouan, der leitende Arzt des neu errichteten Gesundheits-
zentrums, würde dies begrüssen. Die Klinik soll bald erweitert, die Zufahrtsstrasse befestigt und damit die Klinik einfacher zugänglich gemacht werden. Seine längerfristige Vision: «Wir wollen zu einem Referenzzentrum für das Gesundheitssystem Côte d’Ivoires werden.» Er ist überzeugt, dass das ‹Centre de santé› als Pilotprojekt für weitere, ähnliche Institutionen im ganzen Land dienen kann; zum Beispiel in Williamsville.
Dort erkennt der umtriebige und engagierte Dekara Soumahoro bereits jetzt wichtige Veränderungen in seinem Viertel, die er auf den Austausch mit den Forschenden vom CSRS und Swiss TPH zurückführt. Er nennt ein Beispiel: Früher hätten Frauen bei Fehlgeburten oft geglaubt, es handle sich um schwarze Magie oder sie seien selbst an ihrem Unglück schuld. «Heute wissen sie, dass der Klimawan-del und die Hitze das Risiko für Fehlgeburten erhöhen, und sie haben gelernt, wie sie sich aktiv davor schützen können.» Er ist deshalb überzeugt: Wenn Infrastrukturdefizite und fehlende Gesundheitsversorgung tödliche Folgen haben, kann Forschung Leben retten.


