

Die Sache mit der dritten Haut
War nun das mein Ende? Erstarrt lag ich in meinem niedrigen Zelt und blickte hoch. Über mir, keinen halben Meter weg, blickte ein mächtiger Schädel auf mich herunter. Uns trennte nur der hauchdünne Zeltstoff, auf den der Mondschein die Konturen eines Mähnenlöwen zeichnete. Er hatte mich aus dem Schlaf gerissen, hatte offensichtlich behutsam mit seiner Pfote auf das komische Gebilde da mitten in der ostafrikanischen Wildnis gedrückt und mit einer Kralle ein kleines Loch hinterlassend alles zum Wackeln gebracht. Unglaublich und noch nie erlebt!
Unzählige Nächte schon hatte ich im afrikanischen Busch in diesem Kleinzelt verbracht, waffenlos und zuversichtlich, von Menschen oder Wildtieren in Ruhe gelassen zu werden. Wie oft schon hatte ich abends meine Welt mit einem Reissverschluss in ein Hierdrinnen und Dortdraussen getrennt, mich gebettet und gehofft, dass mich kein Elefant tottrampelt, mir keine Grosskatze auf das Zelt springt und mich keine galoppierende Gnuherde überrennt.
Und tatsächlich: Die Elefanten, Büffel oder Flusspferde grasten hörbar dicht an der Textilwand – ohne sie je zu berühren. Stets blieb meine Stoffzelle verschont, was mir zu einem beruhigenden, wenn auch eingebildeten Sicherheitsgefühl verhalf.
Nie gewöhnen konnte ich mich aber, egal aus welcher Entfernung, an die tiefen und stossweisen Rufe der Löwen. Ihr Gebrüll lässt Luft und Boden vibrieren, schlägt hart ans Ohr und durchzuckt einem Stromschlag gleich den wehrlosen Körper. Du liegst da, siehst nichts, bist desorientiert, fühlst dich ausgeliefert, schimpfst dich einen Idioten, stotterst Stossgebete und sehnst dich nach einem Haus mit dicken Mauern, robusten Fenstern und starken Türen.
Diesmal aber liess mir der drohende Schatten über meinem Haupt keine Zeit für langes Überlegen. Ich schlug mit der Faust ins Zeltdach und brüllte: «Hau ab!» Der Schädel verschwand. Aber jetzt? Was geschah da draussen? Ich brauchte Gewissheit, kniete mich hin, riss den Reissverschluss hoch – und sah auf gleicher Höhe in die Gesichter zweier Löwenmännchen. Sie waren drei Meter entfernt und so verdutzt wie ich. Ich schnellte aus dem Zelt, richtete mich auf und machte mich gross. Die beiden machten zwei Sätze zurück, sahen mich verwundert an – und trotteten gemächlich davon. Hunger hatten sie glücklicherweise keinen, nur die freche Neugier noch unerfahrener Jung-
Löwen. Ich kroch ins Zelt zurück und konnte diese Nacht unbehelligt zu Ende bringen.
Wohnformen jeder Art
Immerhin bietet ein Zelt ausreichend Schutz vor Kälte, Regen, Wind, Insekten, Reptilien und grossen Tieren. Es garantiert die notwendige Ruhe für den Schlaf. Und es bietet uns – ähnlich wie die Höhle oder Laubhütte – die Voraussetzung, Nächte durchzustehen und den nächsten Tag zu erleben. Überdies ist das Zelt auch in seinen robusteren Ausführungen schnell aufgebaut. Mit ein Grund, weshalb zahlreiche Notlager mit Zelten bestückt sind. Der Flüchtlingskommissar (UNHCR) zählt weltweit über 1500 Camps mit Menschen, die fast alles verloren haben. Kein Zweifel, wir Menschen brauchen geschützte Orte, um überleben zu können. Sie sind – nach den Kleidern – unsere dritte Haut. Ohne Dach über dem Kopf wären wir auf die Dauer nicht überlebensfähig. Bleibt die Frage der Wohnform und wo es sich am wohlsten wohnt? Weshalb nicht auf einem Baum, wie die in Baumhütten wohnenden Kombai zu Neuguinea? Oder in Höhlen, wie die Menschen im türkischen Kappadozien? Oder auf Flosshäusern wie die Paumari auf dem Amazonas?
Die Frage, wo Menschen am besten ihre Nächte verbringen, war und ist nicht einfach zu beantworten. Weil die Inuit genauso auf ihre Iglus schwören wie die burmesischen Intha auf ihre ins Wasser gerammten Stelzenhäuser oder die Sahara-Beduinen und nordamerikanischen Dakota-Indianer auf ihre Lederzelte. Südchinesen würden ihre Wohn-Dschunken preisen und zahlreiche afrikanische Völker ihre Lehmhäuser oder ihre aus Ästen und Blättern geflochtenen und mit Dung isolierten Rundhütten rühmen. Den New Yorkern beider Geschlechter ginge wohl nichts über ihre Wolkenkratzer, den Sinti und Roma nichts über ihre Wohnwagen, und auch die im thailändischen Dschungel lebenden Mlabri würden ihre nestartigen Blätterbehausungen verteidigen. Alle haben oder hatten sie überzeugende Argumente für die Vorteile ihrer eigenen Wohnform.
Da es von den jeweiligen Mentalitäten und Bedürfnissen, aber auch von der Umgebung, vom Klima und den zur Verfügung stehenden Mitteln abhängt, hat der Homo sapiens weltweit auch verblüffend viele Wohnformen entwickelt. Vom lediglich aus Palmblättern geflochtenen Pflanzennest der Aeta im philippinischen Urwald bis hin zum Renaissance-Lustschloss Chambord im Loire-Tal mit seinen zahlreichen Dachtürmen, den 440 Sälen und Räumen und den Stallungen für 1200 Pferde. Oder von der Weltraumkapsel über die engen Blechhütten der Slumbewohner:innen Mumbais bis zum ‹Weissen Palast› des türkischen Herrschers Erdogan mit seinen 1150 Räumen in Ankara. Hier noch Vergleiche anstellen zu wollen, wäre sinnlos.
Ort der Zuflucht und Erholung
Und doch gibt es etwas Gemeinsames, das seit Urzeiten alle menschlichen Behausungen verbindet: Das Grundbedürfnis ihrer Erbauer, zum Schutze gegen Naturgewalten, Fremde und wilde Tiere Mauern um sich zu wissen und ein Dach über dem Kopf zu haben.
Wie die Nahrung, so brauchen wir auch die Geborgenheit des Raums. Dieser hat im Laufe der Geschichte zahlreiche Wandlungen erfahren, da er dauernd dem sich wandelnden Bewusstsein und Lebensgefühl der Generationen angepasst wurde. War ihm die Gelegenheit geboten, schuf sich
der Mensch immer auch den Raum, der seinen Bedürfnis-sen, Gefühlen und seinem Denken entsprach.
Dennoch hat sich auch bei uns die ursprüngliche Schutz- und Abwehrfunktion des Raumes nicht geändert. Beide geraten in guten Zeiten zwangsläufig in den Hintergrund. Aber unser Daheim, sei es nun ein Zimmer, eine Wohnung oder sogar ein Haus, bleibt unser Zufluchtsort und Versteck,
unser Nest und Schneckenhaus, unsere Hülle und Insel – es ist das Zentrum unserer persönlichen Welt.
Hier beginnen unsere Reisen und hier enden sie. Von hier aus starten wir in den Alltag mit all seinen Reizen und seiner Hektik, seinen Gefahren und Gehässigkeiten, seinem Lärm und seinem Wirrwarr. Und hierher kehren wir abends wieder zurück, froh, uns in unseren vier Wänden neu finden und erholen zu können.
Denn hier, wo wir wohnen, ist uns ja alles vertraut – jedes Möbelstück, jedes Bild, jeder Gegenstand, die Gerüche, das Licht und die Geräusche. Es ist unsere Welt, die wir selbst geschaffen haben, die wir genau kennen und wir gewöhnt sind und vor der wir keine Angst zu haben brauchen. Das heillose Chaos ist, so wir Glück haben, jenseits der Mauern, die Ordnung, die Geborgenheit und das Intime diesseits der Mauern – in unserm Heim. Es ist oft auch unser letzter Freiraum, in dem wir tun und lassen können, was wir wollen.
Der Schrecken im Wohnzimmer
Zum Beispiel gemütlich auf dem Sofa sitzen und die weite Welt in die Wohnung lassen. Via Radio, YouTube und Television. Als ein Fernseher mit Suchtpotenzial konsumiere ich täglich Nachrichten. Diese haben in den letzten Dekaden kontinuierlich an Dramatik zugenommen. Nicht nur, weil heute überall Kameras lauern, im Weltraum, in den Läden, an der Kreuzung oder im eigenen Mobiltelefon.
Auch der offensichtlich tatsächlich wachsenden und von den Medien erfassten Not wegen. Ich sitze und sehe: Verheerende Erdbebenzerstörungen, Tornados und Sturmfluten, Überschwemmungen ganzer Städte und Landschaften, Schlammlawinen, Bergrutsche und Feuersbrünste in noch nie wahrgenommener Intensität.
In meiner Basler Wohnung werde ich auch so etwas wie ein voyeuristischer Teilzeuge ausgewählter Kriegsbilder. Einschlagende Geschosse, einstürzende Wohnblöcke, lodernde Brände, Quartiere voller Gebäudeskelette, Trümmerfelder aus Betonplatten, Schutt und Staub. Und ich sehe Menschen jeden Alters und Geschlechts. Menschen, die flüchten, oft zu Fuss in endlosen Kolonnen, auf überladenen Fahrzeugen, traumatisiert und ohne sicheres Ziel, einzig ihr Leben rettend. Sie haben das meiste verloren, oft auch liebe Verwandte, Bekannte, das Haustier – und ihr Heim, der Ort des Schutzes, ihres Besitzes und der Sicherheit.
Meine Aufmerksamkeit wird weit weniger auf die Obdachlosen meines Wohnortes geleitet als auf die laut UNO gegenwärtig weit über 120 Millionen Menschen dieses Planeten, die durch Kriege, Gewalt, Verfolgungen und Vertreibungen ihr Zuhause verloren haben. Ich sitze da vor meinem Empfangsgerät, ohnmächtig wie immer. Dass ich selbst schon aus Kriegen und Katastrophen berichtet habe, hilft mir wenig. Abschalten und keine Nachrichten mehr sehen? So, wie es einige meiner Bekannten aus Selbstschutz tun, das ist mir nicht vergönnt.
Stattdessen melden sich eigene Erlebnisse mit besonderen Menschen, die buchstäblich alles verloren hatten – mit Ausnahme ihrer Würde. Nirgends erlebte ich so viel Menschlichkeit wie in Flüchtlingslagern aus notdürftig mit Plastik, Tüchern und Karton zusammengeflickten ‹Zelten›. Sie teilten mit dem Fremden sogar ihren kümmerlichen Platz und das karge Essen. Und sie erzählten, wenn sie es konnten, gezeichnet, tapfer und fassungslos von dem Schrecklichen, das ihnen widerfahren war.
Aber ich musste begreifen, dass erlittenes Leid – ähnlich dem körperlichen Schmerz – nur beschränkt vermittelbar oder nachvollziehbar ist. Den Betroffenen fehlen die Worte, den Zuhörenden und Nicht-Betroffenen eine umfassende Vorstellungskraft.
Übrig blieb mir einzig das höchstens psychisch hilfreiche Mitgefühl.
Geiseln unserer Erlebnisse
Als Opfer von Menschenrechtsverletzungen und willkürlicher Zerstörung, von Vertreibungen oder Naturkatastrophen werden wir zu Geiseln unserer Erlebnisse, die zumeist erst mit der Zeit zu wirken beginnen. Beispielsweise als posttraumatische Belastungsstörung. Plötzlich sollten wir eine Unmenge verkraften: Schock und Panik, dann die jähe und radikale Entwurzelung, der Verlust der Kontrolle, der Autonomie, der Sicherheit, des Heims und schliesslich der Heimat.
Jene, die gerade noch mit dem Leben davonkommen, sind zuerst einmal nur froh, ihre Haut gerettet zu haben. Schnell folgt aber die Sorge um die dritte Haut: Wo jetzt unterkommen? Wo trocken schlafen und etwas kochen können, ohne zu frieren, ohne krank zu werden? Fragen, die alle zur Flucht gezwungene Menschen belasten. Ein Zurück ‹nach Hause› gibt es nicht mehr.
Übrig bleibt nur noch ein Vorwärts in eine Zukunft voller Ungewissheiten, seelischer Nöte, finanzieller Probleme und der verzweifelten Suche nach einem neuen Daheim. Dem Ort also, wo man hoffentlich wieder zu sich finden kann, als Individuum, als Familie oder als Volk. Doch davon sind die betroffenen Menschen im Nahen Osten, im Sudan, im Ostkongo, in Myanmar, in Venezuela, in
der Ukraine und in allen Gebieten, wo indigene Völker vertrieben werden, noch weit entfernt. Im Gegenteil, wir müssen gemäss diverser Prognosen eher damit rechnen, dass Klimawandel und die nicht aufgehaltene Zerstörung oder Verknappung unserer Lebensgrundlagen zu neuen Katas-trophen und weiteren Kriegen führen werden.
Nichts als Dankbarkeit
Ob deshalb auch wir in der Schweiz eines Tages unsere dritte Haut, unsere Wohnungen, verlieren werden? Offen gesagt: Ich verdränge diese Frage. Wäre ich Milliardär, würde ich mich vielleicht wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Robert Bigelow mit einem neuen Wohnsitz im All befassen, in einer
gemütlichen Raumstation oder auf einem entfernten Himmelskörper mit erdähnlicher Natur.
Stattdessen schätze ich meine vier Wände und versuche mir auszudenken, wie wir als mitfühlende Medienkonsument:innen überleben, um schadlos alle diese bedrückenden Eindrücke aus der nahen Ferne verarbeiten zu können. Ein allgemein gültiges Rezept fehlt. Zuweilen denke ich an
die schwer traumatisierten ‹Trümmerfrauen› des Zweiten Weltkriegs, die in der Nachbarschaft aus dem Schutt neue Häuser bauen halfen. Auch so etwas ist möglich. Was für ein Beispiel an positiver Selbsthilfe, was für eine Leistung in einer zunächst hoffnungslos scheinenden Lage!
Ich hingegen gehöre zur Nachkriegsgeneration, die sich ins gebaute Nest setzen durfte. Was für ein Glück! Vielleicht sollten wir, die Verschonten und Unbeschwerten, wo immer möglich existenzielles Leid mildern helfen. Und in aller Bescheidenheit einfach nur dankbar sein. Dankbar, dass unser Daheim bislang intakt blieb. Und dankbar, dass selbst Löwen die erste und dritte Haut eines in einem Kleinzelt liegenden Menschen unversehrt lassen.


