

‹Zukunft Kalkutta› oder die Choreografie des Zufalls
1987 reiste der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass nach Kalkutta (heute: Kolkata). Die
Stadt war bis 1911 die Hauptstadt von Britisch-Indien. Eine glänzende Perle im kolonialen Geschmeide des Imperiums: Mit seinen Theatern, Universitäten, ausladenden Boulevards und Luxushotels war sie ein Magnet für Abenteurer und Glücksritter. Doch in den Augen des Literaten Günter Grass war der einstige Glanz der Stadt verblasst, die pompösen Fassaden abgeblättert. Was er in ihren Strassen roch, sah und hörte, missfiel ihm zutiefst: Die Stadt quoll über vor Schmutz, die Strassen waren verstopft mit Menschen und Fahrzeugen, und an jeder Ecke lungerte eine verlumpte Gestalt wie aus einem Dreigroschenroman. Grass verlangte, dass man diese cloaca maxima aus allen Reiseführern streiche, und löste damit einen ‹shitstorm› aus – in Deutschland wie in Indien.
Fünf Jahre nach Günter Grass kam ein anderer Fremder zum ersten Mal in die Stadt. Nicht mit Griffel und Skizzenbuch, sondern mit seiner Kamera: der Schweizer Fotojournalist Manuel Bauer. Sein Blick auf die Metropole war ungleich komplexer: Bauer kehrte immer wieder in die Stadt zurück, sein präzises Auge wanderte gleichsam hinter die Fassaden und Gesichter, suchte nach einer Logik inmitten des scheinbaren Chaos. Mit der Akribie eines Ethnografen begann er, systematisch zu recherchieren und nach jenen Bildern zu suchen, in denen Kalkutta sein wahres Gesicht – oder besser: seine vielen wahren Gesichter – zeigte. Seine Bilderserie ‹Zukunft Kalkutta› legt eindrückliches Zeugnis davon ab, wie sich in der indischen Megacity Millionen von Menschen jeden Tag neu organisieren und im scheinbaren Chaos ausgeklügelte Überlebensstrategien ent-
wickeln. Die Bilder erzählen von den sinnvollen Strukturen, die in einer zuweilen apokalyptisch anmutenden Unübersichtlichkeit immer wieder zum Vorschein kommen. Oder bezeugen, dass sich hinter bedrückender materieller Not soziale und geistig-religiöse Welten auftun, deren Reichtum für Aussenstehende nur zu erahnen ist. «Mit meinen Bildern über Kalkutta wollte ich die Choreografie des Zufalls erforschen», sagt Manuel Bauer. Und meint damit, dass auch im scheinbar Zufälligen letztendlich eine für den Aussenstehenden geheimnisvolle Gesetzmässigkeit verborgen liegt. Gerade für diese Spannung zwischen Zufall und Gesetzmässigkeit hat Manuel Bauer eine Bildsprache gefunden, die sich kaum in Worte übersetzen lässt.


