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«Ich habe alles in Afrika gelernt»

Diese Frau weiss, was sie will – das wird gleich zu Beginn des Treffens klar: fester Händedruck, direkter Blick. Und sie mag es unkompliziert: «Barbara», sagt sie und bietet dem Besucher einen alten Holzstuhl am grossen Tisch an. Darauf viel Plunder. Im hellen Raum schwebt eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Brockenhaus und kreativem Chaos schwingt. Das Büro der ‹Nomol AG› belegt vorübergehend einen Raum in einem altehrwürdigen Haus in der Basler Altstadt direkt am Rhein – als Zwischennutzung. Ganz im Sinne von Barbara Buser, einer «Pionierin der Nachhaltigkeit», wie ein Dokumentarfilm sie nennt. Wobei im Verlauf des Gesprächs klar wird, dass man diese Frau mit einem anderen Begriff deutlich besser charakterisiert: eine Vorkämpferin.


Denn, den einfachen Weg hat die heute 71-Jährige nie gewählt. Und sie behauptet sich als Frau in einer Männerdomäne. Seit mehreren Jahrzehnten rettet sie Gebäude vor dem Abriss und baut diese mit wiederverwendetem Material um, verwandelt ehemalige Industrieareale in städtische Lebensräume. Sie setzt sich nicht nur für einen sorgfältigen Umgang mit der Umwelt, sondern auch mit den Mitmenschen ein. 


«Sali Barbara», grüssen alle paar Minuten eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter, die zur Arbeit kommen, durch die offenstehende Tür die Chefin. Ihre Autorität wirkt natürlich und freundlich.



Im Dienst von Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit


Wie viele Firmen, Vereine und Bürgerinitiativen sie im Laufe ihrer Karriere gegründet hat, weiss die Frau mit dermarkanten Brille und dem grauen, zu einer geordneten Unordnung hochgesteckten Haar nicht. «Das müsste ich auf ‹Moneyhouse› nachsehen», meint sie lachend. Das würde bei

jemand anderem überheblich klingen, Barbara Buser nimmt man es als Bescheidenheit ab. Ihr geht es nie um sich selbst, sondern um die Sache: um den nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Darum trägt auch keine der rund zwei Dutzend von ihr gegründeten Firmen ihren Namen. Stattdessen heissen sie ‹unterdessen gmbh›, die Zwischennutzungen von kommunalen und privaten Liegenschaften umsetzt. Oder ‹Zirkular gmbh›, die Architektinnen und Architekten im nachhaltigen Bauen berät. Die ‹Stiftung Kantensprung› fördert Projekte urbaner Transformation. Dass die Namen der Gründungen deren Programm erklären, ist Programm der Barbara Buser. «Die Firmen sollen denen gehören, die da arbeiten. Und das sind halt immer wieder andere Leute sagt sie. «Und es fällt mir so auch leichter, ein Baby loszulassen.» 


Die Spuren, die die Architektin in Basel und Umgebung hinterliess und immer noch hinterlässt, sind gut sichtbar: das Kaffeehaus ‹Unternehmen Mitte› am ehemaligen Sitz der Schweizerischen Volksbank. Die neu genutzte Alte Markthalle, das Dampfbad im Bahnhof St. Johann. Vieles entsteht auf ehemaligen Industriearealen: dem Walzwerk in Münchenstein, dem Hanro- und dem Ziegelhofareal in Liestal. Ganz gross auch das Gundeldinger Feld auf dem ehemaligen Sulzer-Areal in dem Quartier, in dem sie – mit wenigen Unterbrüchen – ihr ganzes Leben schon zu Hause ist. Und ihre Umnutzungsprojekte haben Strahlkraft. Das grösste entstand in Winterthur ebenfalls auf einem ehemaligen Sulzer-Gelände mit einer Fläche von gut 50 000 m2 für Ateliers, Gastrobetriebe, Sport- und Kultureinrichtungen. In Berlin ist es das Kindl-Areal. Aktuell arbeitet sie an der Umnutzung des Franck-Areals in Basel.


Fast alle dieser Projekte hat sie zusammen mit Eric Honegger umgesetzt, für viele haben sie Preise gewonnen. Auch diese zählt sie – ganz im Buser’schen Sinne – nicht. «Ich schätze es, unter dem Radar zu laufen», sagt sie. «So kann ich mehr machen – und habe mehr Macht.» Dann überlegt sie einen Moment, bevor sie beinahe eine Art Bekenntnis ablegt: «Ich habe gerne Macht.» Wie meint sie das genau? «Macht braucht man, wenn man etwas bewegen will», sagt sie. Was sie nicht habe, sei Geld. Das wäre ja auch ein Machtmittel. Aber Barbara Buser beherrscht auch die Kunst, ohne eigenes Geld ein ganzes Industrieareal zu kaufen. Dazu sucht sie Investoren, die das Land kaufen und die Gebäude gegen einen jährlichen Zins im Baurecht an die Betreiber übergeben – beim Gundeldinger Feld zum Beispiel die Kantensprung AG. Schock in der Jugend als Auslöser


Erwacht ist in ihr das Bewusstsein für diese Themen, als das Haus des Urgrossvaters im Basler Gundeldinger-Quartier, in dem sie seit ihrer Geburt wohnt, hätte verkauft und abgerissen werden sollen. «Ich war 18 Jahre alt», erinnert sie sich. «Und der Gedanke an den Abriss schmerzte mich. Nicht nur, weil ich das Haus in- und auswendig kannte und liebte, sondern auch, weil ich es eine Materialverschwendung fand.» Schlussendlich konnte sie das Haus von ihrer Familie kaufen, und hat es mit viel Eigenleistung sanft re-noviert. 


Studiert hat sie an der ETH in Zürich und schloss 1979 in einem ungünstigen Moment ab: dem Beginn der Rezession der 1980er-Jahre. Der Bauwirtschaft ging es schlecht, Stellen waren rar – für Frauen sowieso. «Ich habe nicht mal versucht, eine Stelle zu finden», erinnert sie sich. Eigentlich war das aber gar kein Pech, sondern ein Glück. Vielleicht wäre sonst aus Barbara Buser nicht das geworden, was sie heute ist. 



Afrika als prägende Schule 


Das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche HEKS suchte Experten für ein Brunnenbau-Projekt im Südsudan. Barbara Buser hatte keine Ahnung von Brunnenbau. «Fragt man einen Mann in dieser Situation, sagt der sofort zu», resümiert Buser, «eine Frau fragt, ob sie das kann.» Nicht so Barbara Buser. Sie bewarb sich zusammen mit ihrem damaligen Freund. Als sie dann den gleichen Lohn forderte, wurde das erst mal abgelehnt. Doch die Jungarchitektin ohne Erfahrung blieb dabei, und sie wurden beide ange-stellt. Ihre Aufgabe bestand darin, mit der lokalen Bevölkerung Trinkwasser-Brunnen zu erstellen.


Vor Ort wollte Buser als Erstes wissen, was die lokale Bevölkerung von Brunnenbau verstand. Ihr Fazit: «Die wussten genau, wie das geht.» Doch die Regierung wollte lieber neue Brunnen mit Unicef bohren. Das ging zwar schneller als das Graben von Hand, aber die Bohrer gingen oft kaputt, die Leute wussten nicht, wie flicken, und hatten keine Ersatzteile. Dazu kommt, dass man aus einem Bohrloch das Wasser nur mit Pumpen fördern kann. Ein von Hand gegrabenes Loch ist jedoch etwa einen Quadratmeter weit. «Da kann man das Wasser auch mit Eimern schöpfen und bei Problemen hinuntersteigen und zum Rechten sehen», sagt Buser. «Eigentlich war mein Job nicht der Brunnenbau, sondern das Koordinieren, Organisieren und Geld verteilen.» Heute nennt Barbara Buser die Zeit im Sudan eine wichtige Schule in ihrem Leben: «Vieles, was ich gelernt habe, habe ich in Afrika gelernt.»


Ihre Bezugspersonen waren vor allem Frauen. Denn es waren die Frauen, die das Wasser vom Brunnen holten und dafür Kilometer weit laufen mussten. Im Busch wurden sie von den Tse-Tse-Fliegen mit der tödlichen Schlafkrankheit angesteckt. «Von ihnen wollte ich wissen, was sie brauchen – und was nicht.» Da die meisten Frauen kein Englisch sprachen, musste sie die Sprache der ‹Azande› lernen.


Dreieinhalb Jahre später wurde im Südsudan Erdöl gefunden und es gab wieder Krieg. Barbara Buser musste den Sudan verlassen. 1983 eröffnete sie in Basel ein kleines Büro.


Doch bald kam wieder ein Ruf aus Afrika. Die Schweizer Direktion für Entwicklungszusammenarbeit DEZA suchte einen Architekten, der an der Universität in Dar Es Salaam, Tansania, neue Häuser für Dozenten bauen, und deren Wasserversorgung mit grossen Tanks sicherstellen sollte.

 

Jetzt herrschte in der Schweiz Hochkonjunktur und Architekten wollten nicht nach Afrika. Auch Buser hatte zunächst kein Interesse, ihr Büro war ja gerade im Aufbau. Doch nach der dritten Nachfrage sagte sie zu. In Dar Es Salaam war dann alles schlimmer als angenommen. In den zehnstöckigen Studentenwohnhäusern gab es kein Wasser mehr, deshalb liess die Verwaltung vor den Gebäuden offene Latrinen bauen. Es gab kein Material und kein Geld. Buser schätzte die Sanierungskosten auf 24 Millionen Franken. Zur Verfügung hatte sie gerade mal 800 000 – und einen Zweijahresvertrag. Also reiste sie nach Bern und sagte: «So geht das nicht». Sie wollte das Wasserproblem nicht nur für die Schweizer Experten lösen, sondern für alle Bewohner an der Uni. Die Verhandlungen waren hart, doch schliesslich flog Barbara Buser mit 10 Millionen und einem Vertrag für zehn Jahre wieder nach Tansania. «Mit Lufthansa», wie sie betont, «die war günstiger als Swissair – ich wollte ja sparen.» 


Ihre Beziehung ging in Tansania zu Ende, der Freund kehrte in die Schweiz zurück, sie blieb – und lernte ihren heutigen Lebenspartner Max Honegger kennen. In Tansania arbeitete sie mit dem Verantwortlichen der Uni zusammen und reorganisierte das bestehende Unterhaltsteam. Ihr 

Erfolgsrezept? «Wenn man den Leuten einen Vertrauensvorschuss gibt, vertrauen sie dir auch. Ich hatte nie ein Problem mit den Leuten.» Diese Lehre aus Tansania gilt für Barbara Buser heute noch. 



Der Zwang zu zivilem Ungehorsam


Probleme hat sie eher mit Autoritäten. «Das hat mir mein Vater eingeimpft», sagt sie. «Gelegentlich ist auch ziviler Ungehorsam nötig, wenn man etwas erreichen will.» So wie zum Beispiel als es um die Anerkennung der Vaterschaft der gemeinsamen Tochter ging. Deswegen zu heiraten, kam für Buser nicht infrage. Als sie nach der Geburt in der Schweiz die Vaterschaft offiziell anmelden wollte, wurde es kompliziert. Noch heute echauffiert sich die streitbare Architektin und springt zum Balkonfenster, um auf den Rhein hinunterzuschauen. Nicht zum ersten Mal in diesem Gespräch. «In 

der Schweiz erhielten damals unverheiratete Mütter einen Vormund, bis der Vater einen Unterhaltsvertrag unterschrieb. Für die Eröffnung eines Bankkontos brauchten verheiratete Frauen die Einwilligung des Ehemannes.» Das ging ihr alles zu weit. Zurück in Tansania regelte sie alles selbst. «Zum Glück habe ich dieses Schlupfloch gefunden», sagt sie lachend. «Und glückliche Grosseltern sind wir auch so geworden.» Und was verbindet sie mit Eric Honegger, mit dem sie seit vielen Jahren Projekte realisiert? «Wäre ich verheiratet», sagt sie in typischem Buser-Humor, «wäre er mein Stiefsohn.»


Als ihre Tochter eineinhalb war, kam Barbara Buser mit ihrem Partner wieder in die Schweiz zurück. Sie hatte keine Arbeit, keine Kontakte mehr. Und es gab weder Tagesmütter noch Kitas, die ihr erlaubt hätten, zu arbeiten. Aber Buser wäre nicht Buser, wenn sie nicht flugs selbst Tagesmutter geworden wäre. Als sie dann eines Tages mit ihrem Mädchen im Arm mit der Ueli-Fähre über den Rhein fuhr, fragte der Fährmann, ob sie für ihn arbeiten wolle. Klar wollte sie und wurde die erste offizielle ‹Fährifrau› in Basel. Nebenbei absolvierte sie an einer englischen Uni ein Fernstudium zum MBA. 


Unterdessen steuert sie seit 30 Jahren an einem Abend die Woche die Münsterfähre über den Rhein. Als sie das erzählt, erfahren wir auch, was der Rhein ihr bedeutet: «Auf dem Fluss zu sein, ist für mich Psychohygiene», sagt sie. «Alles, was mich belastet, lasse ich den Rhein hinunter schwimmen.» 



Politisch, aber keine Lust auf Politik


Die jüngste Firma, die sie mitgegründet hat, ist die ‹Nomol AG›, die sich der Rettung und Wiederverwendung von Forster-Küchen verschrieben hat. «Diese Küchen sind aus Metall und praktisch unzerstörbar. Es macht doch keinen Sinn, nur weil das Design nicht mehr aktuell ist, eine funktionierende Einrichtung zu verschrotten», sagt Buser und knüpft damit an einem ihrer ersten Projekte an, für das sie bekannt geworden ist: die ‹Bauteilbörse›, die sie 1995 zusammen mit Klara Kläusler ins Leben rief. Nur ein Jahr zuvor war das World-Wide-Web erfunden worden, und Buser erkannte das Potenzial dieser neuen Technologie. Zu Beginn wurden wiederverwendbare Bauteile nur virtuell im Web angeboten. Das war zu wenig effizient: nur etwa 15 % der angebotenen Bauteile liessen sich so verkaufen. Die beiden Frauen realisierten, dass sie auch ein physisches Lager 

aufbauen mussten, damit die Kunden die Bauteile in natura sehen und selber ausmessen konnten. Also bat sie das Amt für Umwelt und Energie um Hilfe. Geld konnte das Amt nicht locker machen, aber gemeinsam entwickelte man die Idee, arbeitslose Architekten zu beschäftigen. Stellensuchende, die bei der Arbeitslosenkasse gemeldet waren, mussten an sogenannten Beschäftigungsprogrammen teilnehmen. Bis heute beschäftigt die Bauteilbörse rund 60 Personen, vor allem Handwerker und Hilfskräfte in solchen Programmen. Sie bauen die Bauteile sorgfältig aus, prüfen und putzen sie, bevor sie dann zum Verkauf angeboten werden. «Das sind die drei Säulen der Nachhaltigkeit», sagt Buser: Menschen, Material und Geld in der Kreislaufwirtschaft.


«Grün, links, alternativ.» So bezeichnet Barbara Buser ihre politische Einstellung. «Und parteilos.» Immer wieder wurde sie mal angefragt, ob sie sich für Wahlen auf eine Liste setzen lassen wolle: von den Grünen, der SP: Aber Barbara Buser will nicht. Nach zwei Jahren als Präsidentin des Schweizerischen Mittelschülervereins hat sie vor mehr als 50 Jahren beschlossen, dass Politik nichts für sie ist. «Zu viel reden», sagt sie. «Das geht mir alles zu lang.» Wir hätten schon viel zu viel Zeit verloren im Kampf gegen den Klimawandel. Wobei ist es von der ersten Idee für das Gundeldinger Feld bis zur Fertigstellung nicht auch über 15 Jahre gegangen? «Das ist etwas anderes», sagt Buser. Sie wolle anpacken und umsetzen. Aber sie sei froh um jede Person, die 

sich in der Politik engagiere, denn ohne geht es nicht. Dann steht sie abermals vom alten Holztisch auf, geht zum Fenster und schaut auf den Rhein hinunter und sagt: «Ich will vorwärts machen.»                                                                                      


Der Film ‹Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit› von Gabriele Schärer (Produzent: Peter Zwierko) läuft ab April  2026 in den Schweizer Kinos: www.swissfilms.ch/de/movie/barbara-buser-pionierin-der-nachhaltigkeit/06693ddb73b54c3cb9106f3afc4a221c



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