

Im Kampf gegen den stillen Killer
In der Schweiz forderte der Hitzesommer 2003 das Leben von rund 1400 Menschen. «Das war ein Weckruf», sagt die Umweltepidemiologin Martina Ragettli. Heute seien wir besser angepasst: Doch in Zukunft würden Hitzewellen häufiger und intensiver, deshalb brauche es mehr Massnahmen.
Der Hitzetod hat viele Gesichter. Er betrifft nicht nur ältere und kranke Personen, sondern kann auch dem Leben von jungen und fitten Leuten ein Ende bereiten. «Erst kürzlich war in den Zeitungen wieder von Sportlern zu lesen, die in der Hitze zusammengeklappt sind», sagt Martina Ragettli.
Schon seit zehn Jahren ist die Umweltepidemiologin mit ihrem Team am Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) dem Zusammenhang zwischen Hitze und Gesundheit auf der Spur. «Wir erforschen, wie sich ho-he Umgebungstemperaturen auf das Krankheitsgeschehen und auf die Sterblichkeit auswirken und was Anpassungs- und Präventionsmassnahmen bringen», sagt Ragettli.
Fast niemand stirbt offiziell an Hitze
Eine der vielen Fragestellungen, die sie und ihr Team verfolgen, lautet: Wie viele Menschen sterben aufgrund der Hitze? Es ist gar nicht so einfach, auf diese scheinbar triviale Frage eine Antwort zu finden. Denn im Unterschied zu Lawinen oder anderen Naturgefahren wie etwa Bergstürzen, wo jedes Opfer gezählt wird, findet die Hitze in der Statistik der Todesursachen so gut wie keine Erwähnung.
An Hitze stirbt offiziell fast niemand: «Ganz selten werden Hitzeschläge aufgeführt», sagt Ragettli. Meistens aber lassen sich die Hitzefolgen nicht unmittelbar ermitteln. So belegen zwar mehrere Studien, dass hohe Temperaturen oft zu einer Verschlimmerung einer bereits bestehenden
Krankheit führen. Das ist etwa bei chronischen Herz-Kreislauf-Krankheiten, temwegserkrankungen, Diabetes, Nierenkrankheiten und auch psychischen Erkrankungen der Fall. Wenn dann aber jemand zum Beispiel einem Herzversagen erliegt, verschwindet der Zusammenhang mit der Hitze meist aus dem Blick. «Deshalb wird die Hitze oft als stiller Killer bezeichnet», sagt Ragettli.
Annäherung an eine nebulöse Zahl
Die Anzahl an Hitzetoten bleibt aus diesem Grund eine nebulöse Angelegenheit. «Wir versuchen, uns so gut wie möglich dieser Zahl anzunähern», sagt Ragettli. Grundsätzlich wirkt sich die Hitze in der Stadt stärker aus als auf dem Land, denn auf zubetonierten Flächen erreichen die Temperaturen tagsüber höhere Werte. Zudem sorge der sogenannte Hitzeinseleffekt dafür, dass die Luft nachts weniger abkühle, dadurch könne man sich während dem Schlafen schlechter erholen, erklärt Ragettli. Sie und ihr Team greifen auf statistische Methoden zurück, um abzuschätzen, wie viele Todesfälle dem stillen Killer geschuldet sind. «Früher wurde für solche Schätzungen meist die Übersterblichkeit verwendet», erzählt Ragettli. Diese Zahl entspricht dem Unterschied zwischen den tatsächlichen und den für die Jahreszeit erwarteten Todesfällen. «Die Anzahl erwarteter Tote berechnet man mit einem Modell, in das Sterbedaten und Bevölkerungsdaten der letzten zehn
Jahre einfliessen», so Ragettli. Doch Temperaturdaten fänden in dieser Methode keine Berücksichtigung. Deshalb könne man nicht sagen, ob die Übersterblichkeit tatsächlich auf die Hitze oder auf einen anderen Sachverhalt zurückzuführen sei. «Das war ein Problem, vor allem während der Corona-Pandemie», meint Ragettli. Sie hat mit ihrem Team für die Schweiz neue statistische Modelle erstellt, um abzuschätzen, wie stark das Sterberisiko bei steigenden
Temperaturen zunimmt und wie viele der beobachteten Todesfälle im Sommer also auf die hohen Temperaturen zurückgeführt werden können. Mit diesen Modellen führendie Forschenden seit 2023 im Auftrag des Bundes ein jährliches Monitoring der hitzebedingten Todesfälle durch. «Das Monitoring fusst auf Expositions-Wirkungskurven», sagt die Hitzeexpertin. Diese Kurven zeigen, dass nicht nur hohe, sondern auch niedrige Temperaturen der Gesundheit abträglich sind. Es gebe auch eine kältebedingte Sterblichkeit, führt Ragettli aus. Sie habe unter anderem damit zu tun, dass Infektionskrankheiten in der kalten Jahres-zeit häufiger auftreten und so das Sterberisiko erhöhen.
Fehlende Hitzewarnungen, viele Tote
Die grösste hitzebedingte Mortalität war im Jahr 2003 zu verzeichnen: Europaweit resultierten rund 70 000 Hitzetote. Betroffen waren vor allem ältere Menschen, Frauen doppelt so oft wie Männer (siehe Kasten). «Viele Leute sind allein in ihren heissen Wohnungen verdurstet», sagt Ragettli. Mit der damaligen Situation ist die heutige zum Glück nicht zu vergleichen. Denn 2003 gab es hierzulande noch keine Hitzewarnungen oder andere Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung. «Wir waren auf solche Ereignisse nicht ausreichend vorbereitet», sagt Ragettli. «Der Hitzesommer 2003 war ein Weckruf.»
Trinken und schattige Orte aufsuchen
Seither sei einiges passiert, meint die Hitzeexpertin. Heute wüssten grosse Teile der Bevölkerung aufgrund von Informationskampagnen etwa besser Bescheid, wie sie sich während einer Hitzewelle verhalten sollen: also zum Beispiel genügend Flüssigkeit zu sich nehmen, anstrengende
Tätigkeiten nach Möglichkeit vermeiden und kühle und schattige Orte aufsuchen. Wichtig seien auch Massnahmen, um insbesondere Risikogruppen wie ältere Menschen, Kinder oder sozial Benachteiligte während Hitzeperioden zu schützen. Viele Kantone hätten beispielsweise Listen mit
speziellen Räumen erstellt, die man an heissen Tagen aufsuchen könne, erzählt Ragettli. Zu diesen ‹cooling spots› gehören mit Klimaanlagen gekühlte Einkaufszentren, Bib-liotheken, Pärke oder auch Kirchen, deren hoher Innenraum wegen den dicken Mauern angenehm kühl bleibt. Als erfolgreiche Anpassungsmassnahme führt Ragettli auch das sogenannte Buddy-System auf, das einige Gemeinden in der Romandie eingeführt haben. Das System gründet auf freiwilliger Nachbarschaftshilfe: An heissen Tagen schauen die Buddies bei älteren Personen vorbei. Sie nehmen ihnen beispielsweise den Einkauf ab – und rufen ihnen in Erinnerung, dass sie heute genügend trinken müssen.
Häuser aus Lehm und Holz statt Beton und Glas
Neben solchen Anpassungen im Verhalten, die kurzfristig wirkten, brauche es auch längerfristige Anpassungsmassnahmen, sagt Ragettli. Dazu gehörten z. B. architektonische Aspekte. «Gebäude mit grossen Glasfenstern können sich bei Sonnenschein stark aufheizen», meint sie. Dann
zeigt sie auf das Hortus-Haus, das nachhaltig gebaute Nachbarsgebäude der Swiss TPH in Allschwil. «Das ist aus Lehm und Holz erstellt, in solchen Bauten ist man viel besser vor der Hitze geschützt.»
Bei der längerfristigen Anpassung an die Hitze spielt die Raumplanung eine bedeutende Rolle. Es gelte etwa zu vermeiden, dass Frischluftschneisen zugebaut würden, meint Ragettli – und fügt hinzu: «Viele Massnahmen in diesem Bereich schützen nicht nur vor Hitze, sondern sind auch aus anderen Gründen sinnvoll.» So sorgen mehr Grünräume mit Bäumen nicht nur für mehr Schatten, sie sorgen auch für gute Luft, weniger Lärm und eine lebenswertere Umwelt. «Grünanlagen bieten Erholungsmöglichkeiten und fördern zugleich auch die soziale Interaktion», sagt Ragettli.
Der historische Hitzesommer im Jahr 2003 forderte in der Schweiz rund 1400 Todesopfer. In den letzten Sommern sind jeweils etwas mehr als 500 Personen aufgrund der Hitze gestorben. Diese deutliche Reduktion ist im Grunde genommen eine erfreuliche Nachricht. Doch die Schweiz dürfe sich nun nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Denn in Zukunft sei mit mehr Hitzewellen zu rechnen, die darüber hinaus extremer würden, so Ragettli.
«Die Hitze gehört zu den grössten klimabedingten Risiken in der Schweiz», sagt die Umweltepidemiologin. «Unter allen Naturgefahren führt die Hitze immer noch zu den mit Abstand meisten Todesopfern.» Die Deutschschweiz sei in Sachen Schutzbemühungen weniger weit als die Romandie und das Tessin, denn dort seien vielerorts schon bald nach 2003 sogenannte Hitzeaktionspläne ausgearbeitet worden. Diese Pläne legen fest, wer was wann unternimmt. Dadurch können etwa die Massnahmen von Spitälern, Altersheimen und dem Erziehungsdepartement koordiniert und aufeinander abgestimmt werden. Langsam tue sich aber auch in der Deutschweiz etwas, meint Ragettli, vor Kurzem hätten auch die Kantone Basel-Stadt, Bern und St. Gallen solche umfassenden Pläne eingeführt.
Weiterer Handlungsbedarf
Wie schätzt Ragettli also die aktuelle Situation ein? Im Umgang mit höheren Temperaturen habe die Schweiz seit dem Hitzesommer 2003 eindeutige Fortschritte erzielt. Die Schutzmassnahmen wirken. Das zeigt sich in Ragettlis Auswertungen. Ein Hitzetag von beispielsweise 32 °C verursacht
heute weniger Tote als noch vor 20 Jahren. «Es ist uns gelungen, uns ein Stück weit anzupassen», meint Ragettli, doch: «Die Anpassung erfolgt nicht schnell genug.»
Weiteren Handlungsbedarf sieht die Hitzeexpertin vor al-lem bei den langfristigen Massnahmen, aber etwa auch beim Schutz von Schulkindern und von Personen, die draussen arbeiten. Das Problem erledige sich nicht von selbst, im Gegenteil: «Wegen dem sich erwärmenden Klima werden die Auswirkungen von Hitze auf die Gesundheit und das Wohlbefinden in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen», sagt Ragettli.


