

«Planetary Health oder decision-making in the light of uncertainty»
Schwindende Grünflächen, steigende Temperaturen, extreme Wetterereignisse: Unser Planet
steht unter Stress. Die Epidemiologin Nicole Probst-Hensch vom Swiss TPH untersucht die Gesundheit und das Wohlergehen des Menschen in enger Abhängigkeit zu seiner sozialen und
natürlichen Umwelt. Und plädiert für einen stärkeren Einfluss der Wissenschaft auf politische
Entscheidungen.
Frau Probst-Hensch, dass es mit der Gesundheit unseres Planeten nicht zum Besten steht, ist gerade aus wissenschaftlicher Hinsicht unbestritten. Wie kommen wir von dieser wissenschaftlichen Evidenz zum konkreten Handeln?
«Dies ist eine Frage, die mich als Epidemiologin stark beschäftigt. Die Forschung kann sich nicht mehr nur darauf beschränken, wissenschaftliche Resultate zu generieren. Wir müssen dazu übergehen, wissenschaftliche Evidenz in den politischen Entscheidungsprozess einfliessen zu lassen. Und die Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen.»
Wie lässt sich dies konkret erreichen?
«Oft gehörte Mahnrufe, man solle weniger rauchen oder weniger Alkohol trinken, sind sicherlich nicht geeignet. Aber man muss den Menschen die Vorteile eines moderaten Fleischkonsums oder einer intensiveren körperlichen Aktivität für sie als Individuen wie für den Planeten als Ganzes aufzeigen. Dafür braucht es eine verbesserte, glaubwürdige und umsetzungsnahe Wissenschaftskommunikation.»
Lassen sich die Menschen in ihrem Verhalten zu stark von politischen Einstellungen und weniger von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten?
«Kürzlich telefonierte ich mit einem guten Freund aus Kalifornien. Er ist Feuerwehrmann und kämpfte in den letzten Jahren gegen die tobenden Feuersbrünste ungeahnten Ausmasses. Während des Gesprächs fragte er mich allen Ernstes: Glaubst du wirklich an den Klimawandel? Für mich ist klar: Es ist das politische Umfeld, welches unsere Meinungen beeinflusst. Folglich muss die wissenschaftliche Evidenz in Zukunft noch viel stärker die Grundlage für politische Entscheidungen bilden. Das ist auch deshalb wichtig, weil wir schädliche Umwelteinflüsse vor allem mittels politischer Massnahmen abwehren können – es gibt keine Impfung gegen Hitzewellen».
Das gängige Bild der Wissenschaftlerin ist ja eher das einer Gold-Schürferin, die riesige Datenberge anhäuft, um auch noch den letzten dunklen Winkel des Unbekannten auszuleuchten. Aber sicher nicht jemand, die es wagt, mit nicht abschliessend gesichertem Wissen die gesellschaftliche Meinungsbildung zu beeinflussen.
«Forschende müssen sich heute verstärkt in den politischen Diskurs und in die Entscheidungsfindung einmischen. Gerade die Umwelteinflüsse sind so stark untereinander vernetzt, dass man die Langzeiteffekte dieser Faktoren auf die Gesundheit nie vollständig kausal bestimmen kann. Und dies hat Implikationen auf die Objektivität von Wissenschaft. Wir brauchen die qualitativ beste Wissenschaft. Aber wir müssen gleichzeitig den Schritt von der Evidenz zum Handeln tun. Es braucht ‹decision-making in the light of uncertainty›, um dies in der Wissenschaftssprache auszudrücken.»
Läuft die Wissenschaft dann nicht Gefahr, als unwissenschaftlich oder gar aktivistisch zu gelten?
«Bei der wissenschaftlichen Exzellenz dürfen keine Abstriche gemacht werden. Und eine stärkere gesellschaftliche Position der Wissenschaft funktioniert nur, wenn man die Wissenschaft verstanden hat. Ich war eine der Ersten, die Biomarker und Genetik in die Kohortenstudien zu Luftverschmutzung und chronischen Erkrankungen eingeführt hat. Ich weiss, was exakte Wissenschaft ist. Aber gleichzeitig weiss ich auch, dass uns diese gesellschaftlich nicht weiterbringt, ohne dass wir zur Entscheidungsfindung mitbeitragen.»
Wie kann sich die Wissenschaft vermehrt gesellschaftlich Gehör verschaffen?
«Wenn man sich nicht zu 100 % sicher sein kann, ob mehr Grünflächen in den Städten langfristig die Zahl der Hitzetoten reduziert, dann muss man sich fragen: Was ist der Schaden, wenn wir nichts tun, versus was sind die Kosten neuer Grünanlagen, obwohl es keinen Effekt hat? Wir müssen beide Seiten der Medaille im Sinne einer KostenNutzen-Analyse beleuchten. Das ermöglicht kontroverse Sichtweisen auf ein Thema. Davon brauchen wir mehr. Und das ist trotzdem wissenschaftlich!»
Sie setzen sich als Epidemiologin täglich für die Verbesserung der Gesundheit der Menschen ein. Die Lebenserwartung ist in den letzten Jahrzehnten gerade auch in der privilegierten westlichen Welt deutlich gestiegen. Steht ein solcher demografischer Wandel nicht im Widerspruch zur Gesundheit des Planeten insgesamt?
«Ja, wenn wir alles daran setzen, immer älter zu werden, dann hat das negative Konsequenzen für die soziale Gerechtigkeit und für die Gesundheit unseres Planeten. Das Paradoxe ist: Unsere Efforts in Technik und Forschung sind auf Lebensverlängerung ausgerichtet. Dabei müssen wir stärker auf die Lebensmitte fokussieren und schauen, dass die Menschen ein gesundes und glückliches Leben führen können, bevor sie alt und gebrechlich sind. Die Vorstellung und das Ziel, dass wir alle 150 Jahre alt werden müssen, ist aus Sicht der planetaren Gesundheit eine Katastrophe.»


