

Städte sind fragil – Basel nach der Sintflut
Ob am Meer, im Gebirge oder im Tal – überall erzählen Städte von menschlicher Schaffenskraft und Zerbrechlichkeit. Sie sind Verdichtungen von Leben, Kultur und Erinnerung – und doch können sie in Tagen verlieren, was in Jahrhunderten entstanden ist.
Genau hier setzt Michael Schindhelm an. Seine letzte Ausstellung ‹After the Deluge›, welche Teil des Interfinity-Festi-vals in Basel war, ist kein apokalyptisches Spektakel, sondern ein Experiment: Was, wenn eine Stadt untergeht – und wir sie neu entwerfen könnten?
Schindhelm, Physiker und Künstler, liess Basel digital in einer gigantischen Flut versinken. Der Rhein steigt, Strassen verschwinden, Häuser kippen, Brücken brechen. Und dann die Frage: Welche Welt bauen wir danach? Welche Werte, Pflanzen, Geschichten nehmen wir mit?
«Wir beginnen mit einem Untergang, der etwas Neues hervorbringt», sagt er. «Die heutigen Extremwetterlagen sind nur ein Vorgeschmack dessen, was nicht mehr abwendbar ist. Wir laden ein, zu überlegen, wie die Welt danach aussehen könnte.»
Basel als Versuchsanordnung
Basel steht für Wohlstand, Wissenschaft und Sicherheit – eine Stadt, die auf die Präzision ihrer Systeme vertraut. Aber was, wenn die Systeme an ihre Grenzen kommen? Was, wenn steigende Temperaturen, Wasserknappheit, Viren oder soziale Spannungen das feine Gleichgewicht stören,
das unsere Städte am Leben hält?
Schindhelm zeigt Basel als Modell für alle urbanen Räume: verletzlich, aber lernfähig. Seine Flut ist Metapher und War-nung zugleich. Sie erinnert daran, dass Resilienz kein Zustand, sondern ein Prozess ist. Dass urbane Stabilität keine Selbstverständlichkeit ist, sondern täglich ausgehandelt
werden muss – zwischen Ökologie, Technologie und Gesundheit.
Urban Public Health: Die Stadt als Körper
Die Ausstellung denkt Stadt nicht nur als Raum, sondern als Organismus. Luft, Wasser, Verkehr, Ernährung, soziale Nähe – sie bilden ein urbanes Immunsystem, das durch den Klimawandel geschwächt wird.
Wenn Hitzeperioden zunehmen, steigen Herz- und Atemwegserkrankungen. Wenn der Beton jede Wiese verdrängt, nimmt die seelische Belastung zu. Wenn Biodiversität verschwindet, kippt das ökologische Gleichgewicht – und mit ihm unser psychisches. Die Frage nach urbaner Gesundheit wird zur Frage des Überlebens.
Schindhelm lässt uns diese Zusammenhänge spüren, nicht lehren. «Wir Menschen müssen lernen, uns wieder in die natürlichen Systeme zu integrieren», sagt er. «Ein einziger Baum ist Lebensraum für unzählige Mikroorganismen. Nur durch Reintegration in natürliche Systeme können wir überleben.»
Die Arche als kollektives Immunsystem
Im Zentrum von ‹After the Deluge› stand eine Arche Noah – gebaut von den Besucherinnen und Besuchern selbst. Jeder durfte etwas mitbringen: eine Pflanze, ein Objekt, ein Gedicht, eine Erinnerung.
Was trivial klingt, ist ein radikaler Akt: Es entsteht ein neues Narrativ der Fürsorge. Nicht eine Elite entscheidet, was überlebt – sondern die Gemeinschaft. «Solche Entscheidungen können nur kollektiv getroffen werden», sagt Schindhelm. «Nicht von ein paar Göttern im Silicon Valley.»
So wird die Arche zum Sinnbild für eine andere Form von Public Health – eine Gesundheit, die sozial gedacht ist, partizipativ, vernetzt. Sie ersetzt die Trennung von Individuum und Umwelt durch die Erkenntnis, dass wir ohne ein gesundes Umfeld selbst krank werden – körperlich, psychisch, gesellschaftlich.
Hoffnung nach dem Kollaps
Schindhelm spricht von «apokalyptischem Optimismus». Er weigert sich, den Untergang als Endpunkt zu sehen. «Der Befreiungsschlag ist die Hoffnung – und die Spekulation.»
Seine Ausstellung ist kein Abgesang, sondern ein Aufruf zum Weiterdenken: Wenn das Alte bricht, was kann das Neue werden? Welche Technologien dienen uns, welche zerstören uns?
Auch künstliche Intelligenz wird in ‹After the Deluge› Teil der Reflexion: eine animierte Simulation zeigt eine post-apokalyptische Gesellschaft, die KI nicht als Ersatz des Menschen, sondern als Werkzeug versteht. «Technologie für uns, nicht anstelle von uns», lautet Schindhelms Credo.
So wird Technik zur Erweiterung von Empathie – nicht zu ihrem Gegenteil.
Die Ethik der Verletzlichkeit
«Wer Geld hat, steht vorn und geniesst, der Rest zahlt trotzdem – und zusammengezählt sogar mehr.» Dieser Satz Schindhelms bringt die neue soziale Geografie auf den Punkt. Die Katastrophe ist nie gerecht verteilt.
In Gaza zerstören Bomben die Infrastruktur des Lebens. In Basel bedrohen Klimarisiken andere Formen der Gesundheit: Feinstaub, Isolation, Überhitzung. Die Symptome sind verschieden, die Krankheit ist dieselbe: Ungleichheit im Zugang zu Sicherheit.
Darum ist ‹After the Deluge› mehr als Kunst – es ist eine ethische Versuchsanordnung. Sie fragt: Können wir lernen, Verletzlichkeit nicht zu verdrängen, sondern als gemeinsame Bedingung anzuerkennen?
Vom Ich zum Wir
Im ‹Statement Room› können Besucherinnen und Besucher ihre eigenen Beiträge hinterlassen – Texte, Lieder, Performances. Manche poetisch, andere wütend. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Begegnung.
«Museen werden oft solo durchwandert – man konsumiert Objekte», sagt Schindhelm. «Wir versuchen das aufzubrechen: Wer performt, tut es vor anderen; es entsteht unmittelbarer Austausch.»
Kunst wird so zu einem Medium der Wiedervernetzung – ein kulturelles Immunsystem gegen Entfremdung.
Symbiose statt Dominanz
Schindhelm ist kein Aktivist. Er ist jemand, der Räume schafft, in denen neue Gedanken möglich werden. «Man kann politisch sein, ohne aktivistisch zu sein.»
Er denkt nicht in Feindbildern, sondern in Systemen. Seine Vision erinnert an das Konzept des ‹Symbiocene›: eine Zeit, in der Menschen und Ökosysteme in gegenseitiger Abhängigkeit leben – ein Gleichgewicht, das auch soziale und psychische Gesundheit umfasst.
Diese Idee ist kein Luxus für Akademien, sondern eine Notwendigkeit. Städte müssen zu resilienten, lernenden Organismen werden, in denen Klima-, Sozial- und Gesundheitspolitik nicht länger getrennt sind.
Nach der Flut
Wenn Basel in Schindhelms digitaler Flut versinkt, spiegelt sich darin mehr als ein Klimaszenario. Es ist eine Allegorie auf die Zerbrechlichkeit unserer Gegenwart – und eine Einladung, sie neu zu denken.
Was bleibt, wenn alles fortgespült ist? Vielleicht das, was Städte ursprünglich ausmacht: Begegnung, Austausch, Verantwortung füreinander.
«Ich kann nicht anders», sagt Schindhelm. «Der Mensch bleibt im Zentrum. Genau darin liegt die Hoffnung – sonst würde ja niemand mehr mitmachen.»


